Archive for the 'Praktikum in Indien' Category

26
Jan

Sooo, ich bin nun seit drei Tagen wieder in der Heimat und was soll man sagen: die beeindruckendsten Eindrücke sind die wenigen Menschen und das abgefuckte sächsisch, dass ich jetz höre, sobald auch nur einer hier seinen Mund aufmacht. Zum Totlachen. Zu dumm, dass mich das einschließt. Ich hab schon zahlreiche Würste vertilgt, und deutschen Hopfenblütentee genossen, das war nötig! In meiner Wohnung wurde ich erstmal mit einer Überraschungsparty willkommen geheißen und mit Geschenken überhäuft - da macht das Heimkommen doch richtig Spaß!

Am Flughafen wurde ich zum Abschied noch mal richtig schön in die Mangel genommen :-D … Shuang-Min hatte mich begleitet, durfte aber aufgrund “neuer Sicherheitsvorschriften” nicht mehr mit in die Haupthalle, was vor noch nicht all zu langer Zeit mit einem entry ticket noch erlaubt war. Also ist der Abschied dann recht kurz ausgefallen :-( Das nächste war eine schätzungsweise fussballfeldlange Schlange, aber mit so was hatte ich ja schon gerechnet. Die “neuen Sicherheitsvorschriften” erstreckten sich auch auf das Handgepäck, so dass ich feststellen musste, dass nur noch ein Stück pro Person erlaubt war. Nun galt es, meine Kameratasche (für eine Spiegelreflex, also auch nicht gerade klein) in den ohnehin schon vollgepackten Rucksack zu wursteln. Der platzte hinterher fasst aus allen Nähten, aber bis zum security check sollte es allemal reichen. Hat es auch. Die konnten ihn dann nicht durchleuchten, weil alles zu dicht gepackt war. Und das hieß: alles auspacken! Na prima. Den Beamten wollte ich schon davor warnen, dass der Reißverschluss gleich von allein aufgeht: »watch out, it’s going to explode!«, überlegte es mir im letzten Moment noch anders. Hauptsächlich, weil ich meinen Flug antreten wollte und nicht die Nacht noch in einer U-Haft-Zelle mit dem ein oder anderen Pakistani verbringen.

Paris. Strahlender Sonnenschein. Der Atem macht Wölkchen. Scheiß Null Grad. Die Frisur sitzt. Die Radartüten fallen ab. Mann ist das kalt. Hab ich was anderes erwartet? Aber fast 35° Temperaturunterschied zu Mumbai (in Leipzig waren -4°) muss dann doch nicht sein :-)
Der erste Morgen in Deutschland: Nach monatelanger Durststrecke ist die Enthaltsamkeit nun vorbei und pünktlich zu meiner Ankunft fallen >= 10 cm Schnee! Finger beim Eiskratzen einfrieren und driften auf dem Nettoparkplatz - wie hab ich das vermisst :-)
Nun heißt es ordentliche Klamotten kaufen für den ersten Arbeitstag am Montag… Hosen kürzen lassen: fast eine Woche Zeit und 6,70 Euro! Nach Überredungen macht sie zumindest eine davon innerhalb von 2 Tagen fertig. Ich verkneife mir ein blödes Kommentar, dass in 2 Minuten ungefähr 10 Inder haben könnte, die das in 10 Minuten für 20 Rupien erledigen würden. Ich bin halt doch wieder zuhause…

* Mundart für daheim, also zuhause…

22
Jan

Es ist nicht zu fassen… wie die Zeit vergeht. Ich sitze gerade auf dem Sofa meiner Bude, die im letzten halben Jahr so vertraut geworden ist, der Muezzin singt und die Rickshaws hupen als gaebe es nichts normaleres auf der Welt. Nachher geh ich noch mit meinen Roommates essen und danach steige ich in den Flieger zurueck nach Deutschland, wo ich dann morgen gegen 11 Uhr Ortszeit ankomme. Es ist schon eine komische Mischung aus Freude, wieder in “normale” Gefilde zurueckzukommen und Traurigkeit das alles hier hinter mir zu lassen, weiss ich doch, dass ich mich spaetestens in vier Wochen nur noch an die guten Dinge erinnern werde.

Gestern habe ich noch zum farewell dinner im Irish Pub geladen (wo sonst) und bei einer Sheesha und “einem” Bier all meinen indischen Bekanntschaften die Hand zum Abschied geschuettelt. Dafuer hab ich jetzt an verschiedensten Orten der Erde ein Dach ueber dem Kopf, falls ich mal eins brauche ;-)
Wenn ich zurueck bin, erwartet mich erstmal jede Menge Organisationskram um meine Wohnung wieder zu beziehen, mein “Zweitstudium” abzubrechen ;-), usw., weil es ja dann naechsten Montag schon mehr oder weniger straff mit arbeiten losgeht. Ich melde mich dann bestimmt nochmal an dieser Stelle, um ein paar Eindruecke von der Heimat preiszugeben - den bei AIESEC erzaehlen sie einem, der Kulturschock, wenn man zurueckkommt, ist schlimmer als wenn man weggeht. Und andere sagen wiederrum, nach 2 Tagen ist man wieder im Alltagstrott. Aber was ist schon Alltag?

19
Jan

Sooo, nachdem unser Trip sehr erfolgreich verlaufen und alles glatt gegangen ist, werde ich mich jetzt mal daran machen, den verwaisten Blog nachzuarbeiten! Das ist kann allerdings ein bisschen dauern. Ich bin jetzt noch vier Tage in Mumbai und hab ja nicht mehr allzuviel zu tun ausser zu packen… Elli ist gestern Nacht wieder zurueck nach Deutschland geflogen (bzw. fliegt gerade noch - da wird man schon ein bisschen neidisch), mein Flieger geht Montag nacht. Aber nun frisch ans Werk!

01
Jan

Das der halbe Neujahrstag aus Ausschlafen besteht brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Meine Mitbewohner samt Anhang hatten allerdings nicht so viel Glück: sie mussten schon früh extrem zeitig aufstehen um ihre Flieger respektive Züge zurück nach Mumbai zu erwischen, da ja der nächste Arbeitstag bzw. für Mia der Rückflug nach Taiwan bevorstand. So fanden wir ihre Behausungen dann am nächsten Morgen auch verwaist vor und nachdem ich die restlichen Verwirrungen aufgeklärt hatte, die eine finanzielle Verwaltung von 40 Urlaubsaufenthalten mit indivdiuell unterschiedlichen An- und Abfahrtsdaten so mit sich bringt, konnten wir uns einem leckeren Schokocroisant zum gemütlichen Frühstück in der “german bakery” widmen.
Wir hatten schon vorher festgestellt, dass Kim für ihre Reise nach Kerala nicht nur den gleichen Zeitpunkt wie wir, sondern auch den gleichen Zug gewählt und außerdem Marcus (USA) zu ihrem (nicht nur) Reise-partner erkoren hatte, so das uns ein paar lustige Tage zu viert bevorstanden, bevor wir dann (trotzdem noch lustig ;-) ) “solo” weiterreisten. Übrigens: die Zugabfahrtzeiten noch mal im Netz zu checken, lohnt sich: die hatte sich nämlich ein bißchen verändert, so dass wir uns dann auch recht zeitig auf den Weg durch den Ministaat Goa machten, um Mirko in den Bus zurück nach Bangalore abzusetzen und unseren weit im Süden gelegenen Abfahrtsbahnhof zu erreichen.

Die Suche nach einem Cafe in Panjim beendeten wir erfolglos und begnügen uns mit einer Dose Eiscafe aus einem Straßenshop… man kann halt nicht alles haben. Diese Dose ist nebenbei gemerkt äußerst fies konstruiert… mit ca. 1 mm Blechstärke scheitert der Versuch sie nach vollständigem Verzehr lässig in der Hand zu zerdrücken kläglich. Nachdem man den Ego-Kratzer noch ca. eine Minute mit hochrotem Kopf und Schweißperlen auf der Stirn versucht zu vermeiden, gibt man jedoch entnervt auf und wirft die Dose einfach so weg… mit einer kleinen Delle… Dann Abschied vom Brud, den ich wohl auch bis zum Ende seiner Indien-”Erfahrung” nicht mehr wiedersehen werde und dann auf nach Madgaon, wo unser Zug schon auf uns wartete. Nagut, seien wir ehrlich, wir haben wieder mal gewartet. 45 Minuten Verspätung. Und vorher noch mit lose zusammengerotteten Rickshaw-Aasgeiern gefightet, deren Kartell-Repressalien wir uns allerdings mangels Alternative beugen mussten.

Der Zugunterbringung (2-Tier-AC, also klimatisierte Klasse mit 2-stöckigen Betten) war sehr gemütlich, weil man auf der Längsseite (es gibt ein Vierer-Abteil quer zur Fahrtrichtung und zwei Betten übereinander längs) Vorhänge und Leselampen für jedes Bett einzeln hat… also seine eigene kleine Koje. Und schon wieder schlafen, nachdem ich schon mal im LonelyPlanet die Dinge durchschmökert hatte, die da unserer harrten.

31
Dec

Fuer zwei aufeinanderfolgende Naechte im Bus und einer Ankunft in Panjim vor dem Sonnenaufgang war ich erstaunlich munter, was man von Elli allerdings nicht behaupten konnte. Wir hatten uns trotzdem vorgenommen, noch einen Spaziergang durch Goas Hauptstadt Panjim zu unternehmen, da sie laut LonelyPlanet - der schon laengst zu unserer Reisebibel geworden war - zu schade war, um sie nur im Durchreisen mal eines Blickes zu wuerdigen.

Der Einfluss der Portugiesen ist hier allgegenwaertig und vom starken Einfluss der Christen zeugten wie in Old Goa zahlreiche Kirchen. Beim Strassenhaendler um einen Chai (Tee) reicher und ein paar Rupies aermer spazierten wir auf einer Rundroute durch die Stadt, um die hiesigen Sehenswuerdigkeiten mit dem ein oder anderen Blick bzw. Blendenverschluss zu bedenken. Trotz Halbschlaf war es eine “nette” Tour, besonders das auf dem Berg gelegene Villenviertel mit Hindutempel in knallorange. Bei Abend- statt Morgenrot und einem Zwischenstop in einem geoeffneten Cafe eventuell noch etwas entspannter, aber immerhin besser als Busfahren, was uns dann auf dem Weg zurueck nach Anjuna wiederrum bevorstand.

Die “Zurueckgebliebenen” hatten inzwischen eine total relaxte Strandbar aufgerissen, wo man laut Erfahrungsberichten durchaus den ganzen Tag zubringen kann. Und zwar mit Strand glotzen, Baden gehen, Bier trinken (fuer die minderjaehrigen Leser: unbedingt in dieser Reihenfolge, Bier vor dem Baden ist boese, sagt Muddi), in der Haengematte abmatten und lesen und der Kuh zuschauen die gerade der Frau da unten ueber das Badehandtuch trampelt und ablachen als sie beim Versuch die Kuh zu verscheuchen von der Kuh ange-torrero-t wird. Kurzum, wir probierten das mit der Enstpannung doch gleich mal aus um die Zeit bis zum Jahresende rumzubringen.

In der Nacht ging es in einen Club in Baga Beach, dessen Namen ich vergessen habe, um den Advent des neuen Jahres zu zelebrieren. Das Buffet war maessig und die Musik auch und ausserdem war ich noch im Arsch von zwei Tagen vorher, so dass ich die Feier dann leider unter “mit Erfolg teilgenommen” abbuchen musste. Was solls, als ich im Bett lag, wars egal, endlich schlafen!

Die Rickshawfahrer mutierten uebrigens schlagartig zur Neujahrsnacht zu siebenkoepfigen, rupiegefraessigen Monstern und verlangten Preise von um die 400 Rupien fuer eine Strecke die vielleicht 50 wert war, ohne eine grossartige Chance, mit ihnen feilschen zu koennen. Sie wussten genau, wenn sie sich ihre Monatseinnahmen versorgen koennen :-)

30
Dec

In der Naehe des Doerfchens Hampi befinden sich der riesige Ruinenkomplex von Vijayanagar, das eigentliche Ziel unserer holprigen Reise. Kaum aus dem Bus gestiegen wurden wir von fuenf verschiedenen Rickshawfahrern oder Haendlern belagert, so dass man sich erstmal den Weg freikaempfen musste. Das sollte uns noch oefter passieren: man ist gut beraten sich den LonelyPlanet VOR der Ankunft durchzulesen und nicht hinterher, weil man naemlich meist kein ruhiges Plaetzchen findet. Es faellt relativ schwer ein paar beschreibende Worte fuer die Tempel und ueberhaupt die ganze Landschaft zu finden. Schon alleine der Virupaksha-Tempel oder vielmehr dessen gopuram (ein pyramidenfoermiger Turm, der als Tor zum Tempel dient) war sehr beeindruckend. Nicht so sehr, wenn man davor stand, sonders erst, wenn man ein ganzes Stueck erntfernt war, merkte man, dass er mit seinen fast 50 Metern Hoehe den gesamten Hampi Bazaar dominierte. Das ganze Gelaende ist ziemlich weitlaeufig und ein Tag kaum genug alles zu erforschen, aber Elli und ich liessen es trotzdem nicht unversucht.

Ein paar Hintergrundinfos gibts bei Wikipedia zu finden, ich werde das jetzt mal bleiben alles zu beschreiben, was sowieso nur darin enden wuerde, den LonelyPlanet abzutippen ;-) Zwischen den einzelnen Tempelanlagen ging es noch ueber einen Berg und von dort hatte man (jeweils zu beiden Seiten) einen prima Ausblick. Die ganze Landschaft war ueberhaupt recht seltsam, halb palmenbewachsen, halb oede Felsflaechen, auf denen ueberall riesige kugelrunde Felsbrocken (sagen wir einfach mal Findlinge) lagen, wie von Riesenhaenden hingeworfen. Und mittendrin grossangelegten Tempelanlagen, teilweise mit ewig langen Marktstrassen mit Saeulen auf beiden Seiten (von dem Markt war freilich nichts mehr uebrig, nur noch sandiger Boden), was ein bisschen an Rom erinnerte.

In einem der Tempelanlagen (in der Auslaender mit 250 Rupien wieder kraeftig abgefettet wurden, waehrend Inder nur 10 bezahlen muessen) trafen wir dann Uday wieder, den Kanadier, der mit uns in Ajanta den Tag verbracht hatte! Die Welt ist halt doch ein Dorf.

Die Rickshawfahrer bereiteten uns ganz gut auf Nordindien vor, mit denen war naemlich nicht gut Kirschen essen: selbst fuer kleinste Strecken wollten die einen horrenden Preis (zumindest fuer Mumbai-Verhaeltnisse) und liessen auch nicht wirklich gut mit sich verhandeln. Wenn nur drei Rickshaws vor der Tempelanlage stehen, deren Fahrer sich alle abgesprochen haben und sonst weit und breit nicht viel zu finden ist, ist man halt relativ angepisst. Naja, ist ja Urlaub, ich musste mich dann doch dem Umstaenden fuegen, dass ich auch einfach nur ein Tourist war, der abgezogen wird.

Wir versuchten also mit unserer beschraenkten Zeit einen groesstmoeglichen Teil der Anlagen zu bewundern, aber wie gesagt, das ist kaum zu schaffen. Nach einer gewissen Zeit stumpft man dann aber sowieso recht schnell ab, so dass das nicht weiter wild war. Auf den Weg nach Hause ging es dann wieder mit dem “bewaehrten” Sleeperbus, diesmal nur in Sesseln statt in Kojen, wo ich aber trotzdem noch besser schlafen konnte als in der Nacht zuvor. Das eine koennte mit dem anderen auch in einer gewissen Beziehung stehen, wer weiss das schon so genau. Viel spaeter (in Jaisalmer) hab ich uebrigens von einem Englaender einen interessanten Tip in der Richtung bekommen: er stand in Suedamerkika mal vor dem gleichen Problem und hat sich einfach in der Apotheke ein bisschen Valium geholt: 16 Stunden Busfahrt durchschlafen - kein Problem :-D

29
Dec

Der heutige Tag stand wieder mal ganz im Zeichen des Abhaengens, wozu faehrt man schliesslich auch an den Strand? Wir pflanzten uns also in die Sonne und gingen Baden. Ich wohne zwar nun seit einem halben Jahr mehr oder weniger direkt an der Kueste, aber auf die dumme Idee in Mumbai Baden zu gehen kommt wohl niemand so schnell, wenn man einen naeheren Blick auf das Wasser wirft. Sowas wie oeffentliche Baeder sind eigentlich weitestgehend unbekannt, nur der ein oder andere Wohnkomplex oder die besseren Hotels haben manchmal einen Swimmingpool, den gelegentlich auch Nicht-Bewohner oder -Gaeste benutzen duerfen (gegen ein Entgelt, versteht sich).

Der Strand war nicht sonderlich ueberlaufen, so dass wir ein paar Liegen mit Sonnenschirmen abkriegten. Die ueblichen Indergruppen, die einen anstarren waren gratis inklusive. Manche machten das auch ganz geschickt und gehen rum und bieten Massagen an (was nach einer Weile ziemlich nervt, wenn der fuenfte ankommt). Sonderlich proffessional sah das nicht aus, aber bei manchen schien es sogar zu klappen… da kriegen sie noch Geld dafuer, wenn sie ein paar Europaeerinnen betatschen koennen :-)
Elli und ich machten uns dann gegen spaeteren Nachmittag mit dem Bus nach Calangute auf, einem weiteren Strand ganz in der Naehe um von dort unseren Nachtbus nach Hampi zu nehmen. Der war zu Recht als sehr touristisch, ueberlaufen und betoniert beschrieben, aber wir setzten uns nur in ein Restaurant am Strand und beobachteten die zahlreichen Wassersportaktivitaeten, u. a. so eine Art Wasserski-Paraglyding-Kombination, wo ein Schnellboot einen Gleitschirm durch die Gegend zieht, wo dein 2 Leute dranhingen. Sah lustig aus. Ueber nacht fuhren wir dann mit dem “Sleeper”-Bus nach Hampi. Die Fahrt war der absolute Hammer. Es ging damit los, das wir voellig sinnloser Weise total viel Zeit verschwendeten, weil wir ueber Mapusa nach Panjim fuhren (die Busleute hatten uns gesagt, wir koennten in Calangute einsteigen, weil das naeher fuer uns sei). Was sie uns nicht erzaehlt hatten, war, dass der Bus dann wieder zurueck nach Mapusa fuhr, um Leute aufzusammeln und dann wieder zurueck nach Panjim, um die eigentliche Reise zu beginnen. Haetten wir dass eher gewusst, haetten wir total entspannt ungefaehr 4 Stunden spaeter nach Panjim fahren koennen. Die Bezeichnung “sleeper” steht mit Absicht in Anfuehrungszeichen, weil das mit Schlaf eigentlich gar nichts zu tun hat. Wir hatten die Kojen ganz hinten, das heisst hinter der Hinterachse und das hiess holterdipolter fuer ganze 10 Stunden. Bei den beschissenen indischen Strassen hob man teilweise sogar vom Bett ab, an Schlafen war ueberhaupt nicht zu denken. Auf halber Strecke stieg dann noch eine Ladung Backpacker ein, und es gab stundenlang irgendwelches Gezeter mit dem Busbegleiter, weil ein Paar Eltern so schlau waren mit ihren kleinen Kind ausgerechnet den Bus zum Reisen zu nehmen (Fehler eins) und sich dann beschwerten, weil die gebuchten Plaetze nicht beieinander waren (Fehler zwei). Kurzum, wir waren schoen geraedert, als wir dann endlich in Hampi ankamen, aber wir sollten ganz gut entschaedigt werden.

28
Dec

Um zu all dem Ausspannen ein bisschen kulturelle Komponente zu addieren, besichtigten wir heute die ehemalige Hauptstadt von Goa, Old Goa. Der ganze Ministaat Goa ist von der Anlandung der Portugiesen gepraegt, die ihn dann als Kolonie verwalteten und spaeter zur Unabhaengigkeit Indiens an die neue Regierung uebergaben (laut Elli nicht freiwillig, sondern nachdem die es besetzt haben, hehe - Geschichtsstunde beendet). Damit ist hier ein sehr grosser Anteil an Christen zu finden, was ja nicht gerade typisch fuer Indien ist. Und dass heisst weiterhin, dass hier eine ganze Menge Kirchen rumstehen, durchweg alle weiss lackiert, so dass sich gut vom blauen Himmel abheben und bei dem Sonnenschein hier volle Kanne strahlen. Eine davon ist die Church of St Francis of Assisi, die wir unter anderem besichtigten. Den geschichtlichen Hintergrund habe ich schon wieder vergessen, was aber keinen entscheidenden Nachteil darstellt, glaube ich. Vorher hiess es jedoch erstmal mit dem Bus von Anjuna nach Mapusa, von dort nach Panjim und anschliessend weiter nach Old Goa zu fahren. Busfahrplaene moegen irgendwo existieren, genauso wie Bushaltestellenschilder aber “offensichtlich” oder “uebersichtlich” treffen hier wohl exakt die Beschreibung des Gegenteils. Mit fragen kommt man jedenfalls am effektivsten und schnellsten weiter, vor allem auf den chaotischen Busbahnhoefen und da wir waehrend unserer gesamten Indienreise auch nicht einmal den falschen Bus genommen haben, scheint das auch eine recht zuverlaessige Methode zu sein. Wir schlenderten wieder in einer kleineren Gruppe (Greg&Mia, Shuang-Min, Johanna, Mirko, Elli&ich) durch das gemuetliche Old Goa und schauten uns die hiesigen Sehenswuerdigkeiten an. Abendessen gabs dann im “Venite” auf der Zwischenstation Panjim (die Elli und ich uns spaeter noch genauer anschauen sollten), einem alternativen kleinen Restaurant, wie man es eher in Italien erwarten wuerde als in Indien. Ja, wir gehen jeden Tag essen, bei den Preisen kommt man wohl auch kaum auf die Idee sich selbst was zu machen :-)
Elli und ich besorgten uns dann noch ein paar Bustickets fuer den Folgetag nach Hampi, aber die anderen sprangen alle ab, was ein bisschen schade war, aber wir wollten uns dass wirklich nicht entgehen lassen.

Abends gingen wir noch in den angeblich groessten Club Goas, Paradiso, der einen Steinwurf von unserer Unterkunft entfernt war. Er lag direkt am Meer, und war wie eine riesige offene Steingrotte aufgebaut, richtig cool beleuchtet, mit mehreren Etagen und sehr weitlauefig, so dass es auch nicht besonders voll erschien. Die Musik war erwartetermassen so lala, aber ich bin da ja sowieso kein Massstab. Man kann sich dass ja schoentrinken. Vishal war inzwischen auch von Mumbai angekommen, und zwar mit dem Motorrad. Er war die Strecke am Stueck durchgeknueppelt und das auf einer 150er und mit Anka im Sozius. Fuer sie war es bestimmt noch haerter, die indischen Strassen lassen gruessen. Respekt!

27
Dec

Erstmal auschlafen! Keine Maid heute, die frueh klingelt. Wenn das fuer einige merkwuerdig klingt, dass ich mich darueber beschwere das jemand klingelt der fuer mich die Wohnung saubermacht - so hab ich am Anfang auch gedacht. Aber man gewoehnt sich halt sehr schnell an alles, hatte ich das schon erwaehnt. Ausserdem schiebt sie sowieso den Dreck nur hin und her, sauber sieht echt anders aus, aber das ist eine andere Geschichte. Wir warfen heute mal einen ersten Blick auf den Strand von Anjuna, der sich dann doch als beschwimmbarer herausstellte als erwartet. Es war jedenfalls viel netter als was in Alibaug oder Kihim Beach zu Gesicht bekommen hatten. Als erstes fielen die vielen Auslaender auf. Das war schon fast unglaublich, die Inder waren nahezu in der Minderheit!
Anjuna ist ein ziemlich kleines Kuestendorf, was eigentlich nur vom Tourismus lebt, soweit ich das sehen konnte. Das heisst Gaestehaeuser, Restaurants und eine Handvoll Clubs, Taxifahrer und Motorradverleiher. Letztere erfreuten sich grosser Beliebtheit, so dass jedes zweite Vehikel auf der Strasse eine Royal Enfield war - eins der schaetzungsweise acht Motorradmodelle, die es in Indien gibt. Dafuer hat dann aber auch wirklich JEDER eins von diesen acht. Hatte ich mich eigentlich schon zum Thema “Vielfalt” ausgelassen? Ich glaube nicht. Also los: Es wird einem immer vorgeschwaermt, wie vielfaeltig Indien doch ist. Ich weiss nicht genau, ob das an meiner europaeischen Mentalitaet liegt, oder ob das eine objektive Einschaetzung ist (so wie man immer denkt, dass alle Chinesen gleich aussehen), aber ich bin in vielen Punkten vom Gegenteil ueberzeugt. Motorraeder sind da ein gutes Beispiel. Auf jedem Motorrad steht hier entweder “pulsar” (eine bajaj-Marke, wenn ich mich nicht irre, die stellen auch die Rickshaws her), “Hero Honda” oder Royal Enfield. So hat hier jeder der grossen Motorradhersteller (geschaetzte acht, jeweils in Kooperation mit einer indischen Firma, weil das nur so erlaubt ist, auslaendische Fahrzeuge in Indien zu verkaufen) genau ein Modell am Markt. Waehrend man also in Europa kaum zwei Motorraeder finden, die sich gleichen, sieht man in GANZ INDIEN nur diese acht Motorraeder! Eine Milliarde Leute! Acht Mottorradtypen! Mit Autos verhaelt es sich aehnlich, aber dort ist die Vielfalt etwas groesser. Wenn man auf der Strasse langgeht faellt einem zum aeusseren Erscheinungsbilder der maennlichen Inder das gleiche auf. Fast jeder hat die gleiche Kurzhaarfrisur, einen Schnauzbart, ein olles Hemd und eine Anzughose sowie Sandalen an. Die Farbunterschiede sind aufgrund des Keims irgendwann nicht mehr auszumachen. Ueber das Essen hatte ich mich definitiv schon ausgelassen. Auch die Hindifilme sind fest in der Hand von einer Handvoll Schauspielern, die dafuer dann in jedem der Filme oder der Werbung zu sehen sind (Und dass sind viele). Aber ich bin abgeschwiffen, zurueck zum Thema.
Die Touristen fahren also ohne Helm mit einer Royal Enfield (interessant ist, wie oft in dem Artikel »Indien« auftaucht) durch die Strassen des Kuestenstaedtchens, das Hemd flattert im Wind, die Sonne spiegelt sich auf der Sonnenbrille - wenn da mal nicht Miami-Feeling aufkommt!
Am bekanntesten ist der Goa market in Anjuna, ein wirklich riesiger Basar mit hunderten von Haendlern. Der ganze Markt ist eine auf einem Wiese errichtetes Zeltdorf von Haendlern und in unterschiedliche “Viertel” unterteilt, je nach verkauften Guetern. Im Prinzip kann man dort alles kaufen, was das Herz begehrt und es war eine gute Gelegenheit, um die Feilsch-Kenntnisse wieder mal ein bisschen zu trainieren. Urspruenglich entstand der ganze Markt als Verkaufstreffpunkt von travellern aus verschiedenen Laendern und ist seitdem gewachsen. Alles laeuft (fuer indische Verhaeltnisse) ziemlich relaxt ab, wozu wahrscheinlich im Wesentlichen beitraegt, dass der Markt in Goa liegt ;-) Ach ja, wenn ich schreibe man kann alles da kaufen, dann kommt das der Wahrheit ziemlich nah. Man kann keine paar hundert Meter laufen, ohne dass man mindest einmal Gras/Haschisch/Marihuana angeboten bekommt, aber auch Crack, LSD und Kokain :-)
Gegen Mittag kam dann der erste Schwung Bombay-Trainees mit dem Bus an. Sie hatten 16 Stunden Fahrt hinter sich fuer eine Strecke von ca. 800 Kilometern. Beeindruckend. Das Gaestehaus, in welchem wir untergebracht waren hatte eigentlich nur eine relativ begrenzte Kapazitaet, aber da sich am Schluss doch so viele gemeldet hatten, wurde auf dem Dach des Haupthauses ein Matratzenlager eingerichtet und nochmal ueberdacht, so dass am Ende auch wirklich alle Platz fanden. Die Gastwirtin war sehr nett & kuemmerte sich, dass jeder einen Platz zum Schlafen fand, aber wir sorgten ja auch fuer ihre gesamten Jahreseinkuenfte ;-)
Abends wollten wir dann in ein vom Lonely Planet empfohlenes Restaurant und gingen doch glatt einem Nachahmer auf den Leim. Sobald ein sehr gutes Restaurant bekannt wird, entstehen in dessen Naehe eine Menge (schlechter) mit dem gleichen oder einem aehnlichen Namen (Die absolute Hoehe in dieser Hinsicht war eine gute Strassenbar in Delhi namens Lassiwala, wo sich direkt daneben zwei weitere ansiedelten, ebenfalls mit dem Namen Lassiwala, so dass man am Ende gar nicht mehr unterscheiden konnte, wer nun original war). In unserem Fall hiess das 90 Minuten aufs Essen warten, was entscheidend zum wachsenden Unmut beitrug, zumal wir so gut wie die einzigen waren. Ausserdem gabs kostenlos einen 45minuetigen Wandermarsch, weil die Leute, die wir unterwegs fragten uns natuerlich alle zu dem weit entfernten Kopie-Restaurant schickten. Zu bloed halt, wenn man keine richtige Karte hat. Aber so kamen wir wenigstens an die frische Luft :-)

26
Dec

Heute ging es nun endlich nach Goa. Weil wir die ganze Sache schon ziemlich zeitig angeleiert hatten (sonst hatte sich von den Trainees niemand um den Weihnachts- und Sylvesteraufenthalt am Strand gekuemmert), sassen wir eine Stunde im Flieger, waehrend die restlichen Trainees, die uns in den naechsten Tagen folgten dafuer 16 Stunden im Bus verbrachten. Yuki, Prashant, Johanna und ich hatten letztendlich die Organisation fuer Transport und Unterkunft in die Hand genommen, so dass wir zu Spitzenzeiten fast 40 Trainees in Indiens Strandparadies hatten. Aber eins nach dem anderen. Wo war ich stehengeblieben? Greg und Mia, Shuang-Min und Johanna sowie Elli und ich sitzen ja immer noch im Flieger. Mirko war von Bangelore ueber Nacht mit dem Bus nach Goas Hauptstadt, Panjim, gekutscht und dann weiter zum Flughafen, wo er uns dann abholte. Den Tag verbrachte er mit einem Englaender und Stadtbesichtigung, weil er schon morgens ankam, waehrend wir erst 17 Uhr landeten. Es war schon geil: Freundin, Freunde und Bruder alle auf einen Haufen - Palmen, Meer, ueber 25 Grad und beste Laune, hach ist das schoen :-D Vom Flughafen ging es mit dem Taxi zu unserer Unterkunft an einem ziemlich noerdlichen Strand Goas, namentlich Anjuna. Der ist vor allem fuer Raveparties bekannt, aber einen schoenen Strand gabs auch und wir hatten dort ueber “Kontakte” eine billige Unterkunft organisiert. Das ist mehr oder weniger Glueck, ueber Weihnachten und Sylvester ist in Goa naemlich ein Monat vorher schon alles gnadenlos ausgebucht. Und 35 Leute unterbringen macht das ganze nicht unbedingt leichter :-) Der Wettbewerb der Gaestehauser ist auch ganz schoen fies. Ich hatte ein ziemlich detaillierte Wegbeschreibung und wir standen vor dem Hotel, welches uns als “landmark” diente, um unsere Unterkunft zu finden und fragten die Besitzer nach dem Weg. Die erzaehlten uns dann allen Ernstes, sie haetten keine Ahnung und noch nie davon gehoert, obwohl wir 30 Meter davon entfernt standen! Sobald dann die Zauberformel “already booked” fiel, wurden alle “Wegweiser” auf einmal gespraechig. Das ist schon krass. Diese Zauberformel war auch spaeter auf unserem Trip manchmal recht hilfreich, um zu verhindern dass einen die Rickshawfahrer zu einem Hotel ihrer Wahl fuhren, wo sie Kommision bekommen.
Die Unterkunft war schnell bezogen und dann ging es Abendbrot essen in einem Restaurant direkt an einer Mini-Klippe, inklusive Meeresrauschen und netter Lampionbeleuchtung.